Page 5 - Dialekt
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Wenn man die gegenwärtige Sprachsituation analysiert und die rasant um sich greifende
allgemeine sprachliche Verflachung sowie Verformung hin bis zum berühmt-berüchtigten
„Denglisch“ bedenkt, dann drängt sich die Frage auf: Verlieren wir allmählich unsere
Muttersprache? Wir riskieren es jedenfalls, worauf besorgte Leserbriefschreiber immer
wieder verweisen:iv

„So lobenswert die Initiative gegen die Lebensmittelverschwendung sein mag, so
unverständlich ist ihr Name: „United Against Waste“. Wer hat sich denn das ausgedacht?
Schon vom Klangbild her ist dieser Name grottenschlecht und beinahe ein Zungenbrecher.

Warum kann man nicht einfach bei der Muttersprache bleiben und „Vereint gegen Abfall“
sagen? Wir werden ohnedies rund um die Uhr mit Anglizismen geradezu überflutet: in der
Werbung, in den Geschäften und leider auch in den Medien. Es ist schon fast unerträglich,
wie locker und leichtfertig die Sprache als Teil unserer Kultur verhunzt und aufgegeben wird.
Besonders traurig aber ist, dass das Land Tirol und die Wirtschaftskammer als Mitstreiter der
Plattform diesen Unsinn mitmachen. Sogar der Nachrichtensprecher von ORF Tirol hat
diesen Slogan vorsichtshalber ins Deutsche übersetzt. Könnte ja sein, dass der eine oder
andere Tiroler des Englischen nicht mächtig ist. Ungern zwar, aber weil wir jetzt nicht als
Hinterwäldler dastehen wollen, zeichnen wir nicht mit freundlichen Grüßen, sondern „With
kind regards.“

Es ist unbestritten: Die Sprache(n) wandeln sich, und mit ihnen die Menschen, oder aber
vielleicht, wenn nicht sogar wahrscheinlich, umgekehrt. Dieser Wandel betrifft mehr oder
weniger alle Sprachschichten. Auch die Standardsprache als Hochform bleibt davon nicht
ausgenommen.

Die Sprache der Klassiker mutet uns beispielsweise heutzutage manchmal ungewohnt und
altmodisch an. Kinder und Jugendliche und sogar Studierende können mit sehr vielen
Ausdrücken nicht mehr viel anfangen und verstehen sie nicht einmal.v

Die sprachlichen Produkte von jüngeren und älteren Menschen driften immer weiter
auseinander. Auch die Mundarten bzw. Dialekte als Sprachvarianten kleinerer geografischer
Einheiten wie Talschaften und Regionen sind gegenwärtig vielen Beeinträchtigungen,
Einflüssen und Veränderungen ausgesetzt und zu Gunsten einer allgemeinen regionalen
Umgangssprache im Schwinden begriffen. Dies hat mehr oder weniger eine zunehmende
sprachliche Uniformität verbunden mit einer Verarmung hinsichtlich des Lautbildes,
Ausdrucks und Wortschatzes zur Folge. Die Ursachen dafür sind vielfältig und hauptsächlich
in den aktuellen, gegenüber früher geänderten Lebensumständen wie erhöhte Mobilität,
Pendlertum, Tourismus und Fremdenverkehr, Globalisierung der Arbeits- und Freizeitwelt,
erweiterte Bildungsmöglichkeiten, ausgedehnter Medienkonsum u. a., aber auch in einer
mangelnden Sensibilität und in einer als modern und gleichermaßen progressiv
empfundenen Haltung gegeben. Manche sorgen sich, und vielleicht zu Recht, wie es auf
Grund der bereits feststellbaren großen Fremdwörteranteile, in letzter Zeit vor allem aus dem
Englischen, in rund fünfzig Jahren wohl um die deutsche Sprache bestellt sein wird, und ob
es dann Deutsch in der gegenwärtigen Form überhaupt noch geben würde.

Und ähnlich kann man sich dieselbe Frage auch im Hinblick auf die lokalen und regionalen
Mundarten stellen, die immer mehr zugunsten einer allgemeinen Umgangssprache eine
Angleichung erfahren. Jährlich sind von den weltweit je nach Zählweise und Zuordnung
3 500 bis 7 000 Sprachen ca. 50 Sprachen von der Gefahr des Aussterbens bedroht. Wir
sehen und erkennen die Gefahren und tun das Unsere, um dies nach Möglichkeit gering zu
halten.

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